Sie sind gerade furchtbar „in“, jeder redet über sie, Guttenberg musste wegen ihnen sogar zurücktreten – die Rede ist von Fußnoten. Jeder Schüler kennt sie, jeder Student weiß, wie wichtig sie sind. Und inzwischen weiß sogar ganz Deutschland, was für fatale Folgen das beabsichtigte oder unabsichtliche Fehlen von Fußnoten in einer wissenschaftlichen Arbeit haben kann.Fremdes Wissen als das Eigene verkaufen – das ist böse und wird in der Wissenschaft zurecht hart bestraft. Für Karl-Theodor zu Guttenberg bedeutete die Mogelei daher nicht nur die Aberkennung seines Doktortitels, sondern auch das vorläufige Ende seiner politischen Karriere. Dabei ist es doch eigentlich ganz einfach: Kopieren, einfügen, umschreiben – das ist zwar kein besonders anspruchsvolles wissenschaftliches Arbeiten, aber eine Fußnote an der richtigen Stelle genügt und das Problem ist erledigt.
Einige hundert Schüler und Schülerinnen meines Jahrgangs, der Klasse 12, hatten in den vergangenen Monaten die Gelegenheit, genau das ausführlich zu üben. Wir mussten nämlich, wie so viele Generationen von Zwölftklässlern vor uns, eine „acht bis zwölf Seiten umfassende" Facharbeit zu einem frei wählbaren Thema schreiben. Acht bis zwölf Seiten – das klingt nicht nur bei der Betrachtung von Guttenbergs 475 Seiten starker Doktorarbeit armselig, das ist wirklich nicht sonderlich viel.
Egal, denn das eigentliche Theater, mit dem wir uns auseinandersetzen sollen, beginnt erst hinterher, wenn man mit dem Schreiben des reinen Textteils fertig ist. Dann geht es richtig los: Fußnoten, Inhaltsverzeichnis, Deckblatt, Fußnoten, Literaturverzeichnis und... Fußnoten! „Zur Leistung für die Facharbeit gehört die Erstellung des endgültigen Textes in sprachlich angemessener schriftlicher Darstellung mit korrekten Zitaten der benutzten Quellen und einem Quellenverzeichnis“, heißt es auf der Internetseite unseres Schulministeriums. Fußnoten! Bei nächster Gelegenheit drucke ich mir dieses Wort in Schriftgröße 80 aus, hefte den Zettel auf eine Zielscheibe und bewerfe ihn mit in Zyankali getränkten Dartpfeilen.
Ich glaube, eine Erklärung ist notwendig. In Ordnung: Es war ein schöner Dienstagmorgen, die Vögel zwitscherten, die Sonne schien, ich saß an meinem Laptop und las meine Facharbeit zum letzten Mal Korrektur. Und sie war perfekt: Der Inhalt passte, das Layout gefiel mir sehr, jeder Buchstabe befand sich genau dort, wo ich ihn haben wollte. Ich bin zufrieden, schließe meinen Laptop an den Drucker an, drücke auf die Taste „Drucken“ – und kriege eine fette Fehlermeldung auf den Bildschirm geknallt. „Installieren Sie den benötigten Gerätetreiber“, forderte mich Microsoft auf. Um es nicht unnötig spannend machen: Ich installiere also den Gerätetreiber, deinstalliere ihn, installiere ihn, deinstalliere ihn, durchsuche das Internet nach einer Lösung, finde keine, suche weiter, erleide einen Nervenzusammenbruch – und muss mich am Ende damit abfinden, dass ich meine Facharbeit nur verkrüppelt und hässlich ausdrucken kann.
Warum, das ist eine lange Geschichte. Es hat hauptsächlich mit unterschiedlichen Druckertreibern zu tun, einem spanischen und einem deutschen, und der Tatsache, dass mir die unterschiedlichen Drucker beim Schreiben nicht aufgefallen sind. Jedenfalls war das schöne Layout meiner fertigen Facharbeit hinüber. Was vorher auf der Seite vier stand, befand sich nun auf den Seiten fünf und sechs. Sätze, die vorher in eine Zeile passten, füllten nun zweieinhalb. Fußnoten, die eigentlich auf die Seite sieben gehörten, fanden sich auf Seite fünfzehn wieder – warum auch immer. Es waren zwar nur Kleinigkeiten, die nichts am Inhalt änderten, aber dennoch das gesamte Dokument ruinierten. Was ich vorher als perfekt empfand, war nur noch hässlich. Und in vier Tagen war der letzte Abgabetermin.
Im Internet fand ich nach langer Suche schließlich heraus, dass sich meine sämtlichen Formatierungsprobleme nahezu vollständig lösen würden, wenn ich es schaffe, die zahlreichen falsch gesetzten Fußnoten auf die richtige Seite zu bekommen. Warum – keine Ahnung, ist aber so. Und mit der Erkenntnis begann dann mein verzweifelter Kampf: Ich gegen die Fußnoten. Mein geballtes Computerwissen gegen eine Software namens Word.
Das erste Problem befand sich auf der Seite neun und trug den Namen Fußnote Nr. 2. Das ist seltsam, denn die Fußnote Nr. 2 sollte sich eigentlich auf der Seite eins befinden. Und der Inhalt der Fußnote Nr. 3 müsste eigentlich an die Stelle der Fußnote Nr. 2. Und der Inhalt der Fußnote Nr. 4 teilte sich plötzlich auf zwei Seiten auf. Und so weiter. Wer jetzt denkt – einfach „Copy und Paste“ und das Problem ist erledigt, den muss ich enttäuschen. Das funktioniert nicht. Word hat in dieser Hinsicht nämlich eine ganz eigene Logik, die so logisch ist, dass sie außer den Verantwortlichen bei Microsoft niemand versteht.
Zwei Stunden später hieß Fußnote Nr. 2 übrigens nicht mehr Fußnote Nr. 2, sondern wurde von mir manuell in Fußnote Nr. 8 umbenannt. Fußnote Nr. 3 ist zwar Fußnote Nr. 3 geblieben – ich musste aber den Inhalt verändern. So ging die Arbeit dann weiter, stundenlang, bis alle Fußnoten sich endlich wieder auf dem richtigen Platz befanden.
51 Stück zieren jetzt die Seiten meiner fertigen Facharbeit. Sie grinsen mich an, jedesmal, wenn ich die Mappe in die Hand nehme. „Drei Stunden“, raunen sie mir zu, schadenfroh. Das ist der zusätzliche Zeitaufwand, den mir das Theater mit den Fußnoten bereitet hat, und das plus den gefühlten 100 Stunden, die ich bereits an dem reinen Textteil gesessen hatte. Ich muss sagen: Ich liebe diese kleinen Dinger. So sehr, dass ich ihnen am Liebsten einen Ehrenplatz in meinem Zimmer geben würde. Vielleicht auf meiner Pinnwand, schön festgesteckt, mit vielen, vielen kleinen Pinnadeln.
Das einzige, was mich tröstet, ist der Gedanke, dass ich es geschafft habe. Ich habe Word besiegt, die Fußnoten bezwungen und der Versuchung widerstanden. Schließlich hätte ich die Dinger auch einfach weglassen können. Bei der Facharbeit einer Zwölftklässlerin wird schon niemand genauer hin sehen, ich bin ja kein Politiker. Bei einigen besonders widerspenstigen Fußnoten war ich sogar kurz davor sie zu löschen - und habe es doch gelassen. Das wäre ja doch zu simpel gewesen. Denn der Sinn und Zweck der Facharbeit war es schließlich nicht, super tolle wissenschaftliche Ergebnisse zu präsentieren. Das Ziel, das die Zuständigen im Schulministerium verfolgen, ist schlicht und einfach, uns die Techniken für wissenschaftliches Arbeiten nahezulegen und uns dazu zu bringen, sie korrekt anzuwenden. Und das, so kann ich reinen Gewissens behaupten, ist mir bei meiner Facharbeit gelungen. Hurra. (:
- 4 Herzchen
- 02.03.2011 um 21:46 Uhr
Vielleicht hättest du vorher mal das Internet nach LaTeX durchsucht und wärst dann auf einen Vergleich Word <=> LaTeX gekommen. Da wird nämlich ausführlich beschrieben, wieso Word nicht für wissenschaftliche Zwecke geeignet ist. Z.B.: http://user.uni-frankfurt.de/~muehlich/tex/wordvslatex.html
LaTeX kommt übrigens von TeX, ausgesprochen Tech, und hat den Anspruch, auf allen System ein gleiches Endergebnis zu produzieren.
Ja, es gibt div. Vorgaben, evtl. man muss z.B. Word nutzen. Warum? Weil's jeder kennt. Ansonsten? Es gibt keinen plausiblen Grund.
LaTeX ist zwar nicht soooo einfach. Aber das Ergebnis spricht für sich.
Und: LaTeX ist kostenfrei zu bekommen, läuft auf so ziemlich jedem Computersystem und liefert halt gleiche Ergebnisse.
mfg
FrankC