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Die Sache mit der Unfallwahrscheinlichkeit
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In dem Kernkraftwerk Fukushima in Japan ist nach dem schweren Erdbeben der GAU (GrößterAnzunehmenderUnfall) im Gange. Es treten weiterhin Unmengen Radioaktivität aus dem Reaktor aus. Die Umgebung wird vollständig kontaminiert. Radioaktiv verseuchtes Wasser wird ins Meer "entsorgt". Menschen, Tiere und Pflanzen sterben oder werden langfristig krank.
Doch wie konnte das passieren? Oder besser: Wie wahrscheinlich ist, dass es auch in Europa zu einem solchen "Unfall" kommt? Wie wird das berechnet?

Um deutlich zu machen, wie die Praxis die Theorie macht, eine kleine historische Einführung:
1979 legte die Gesellschaft für Reaktorsicherheit die „Deutsche Risikostudie. Phase A“ auf den Tisch. Hier sprach sie von einer Wahrscheinlichkeit eines GAUs für alle 10 000 Reaktorjahre (=ein mal in Jahre, die ein einzelner Reaktor lebt).
1989, nach dem Super-GAU in Tschernobyl kam die „Deutsche Risikostudie. Phase B“. Hier wurde berücksichtigt, dass Konsequenzen aus dem Unfall in Tschernobyl gezogen würden. Angebliche Nachrüstungen in den Sicherheitssystemen von AKW* wurden eingerechnet**: Die Studie wird bis heute von Atomkraftlobbyisten genutzt und besagt, dass durchschnittlich alle 33 000 Reaktorjahre ein „schwerer Unfall mit radioaktiver Belastung der Umwelt“ geschieht.
Nach der Katastrophe in Fukushima werden nun wieder Stimmen laut, die diese Zahl wieder auf 10 000 herunter stufen, weil in der Risikostudie Naturkatastrophen und Flugzeugabstürze nicht einbezogen wurden. Doch in Vergessenheit gerät, dass dies bei der Risikostudie Phase A auch nicht der Fall war. Dennoch errechnen Experten daraus die Wahrscheinlichkeit eines GAUs bei Pi mal Daumen 1:100 000.
Die Wahrscheinlichkeit im Lotto zu gewinnen liegt ungefähr bei 1:1 400 000, also ist die Chance einen GAU in einem AKW (Atomkraftwerk) zu erleben 14 Mal größer. Spielt die Atomkraftlobby also Lotto mit uns?
Wenn wir nun weiteren -damit in zusammenhang stehenden- Expertenmeinungen folgen und annehmen, dass alle 300 Jahre ein Super-GAU in irgendeinem Kernkraftwerk geschieht, können wir zu keinem anderen Schluss kommen, als das unsere Eltern 900 Jahre oder älter sind. Denn dann müssten zwischen dem GAU in Harrisburg (USA, 28.3.1979), dem Super-GAU in Tschernobyl (heute Ukraine, 2.4.1986) und dem GAU in Fukushima (Japan, März 2011) jeweils 300 Jahre liegen. Rechnen wir dann den Unfall in der kerntechnischen Anlage Majak (29.9.1957) dazu³, sind unsere Großeltern sogar 1 200 Jahre alt.

Kritiker*innen bezweifeln die Zahlen, die die besagte Studie vorlegt. Sie bemängeln die Ungenauigkeit eben dieser und rechnen alle 1 000 Reaktorjahre mit einer Kernschmelze und alle 11 000 Reaktorjahre mit einer Kernschmelze begleitet von akutem Austritt von Radioaktivität und einer Menge von Todesfällen.
Wenn wir von diesen Zahlen ausgehen und annehmen, dass weltweit 300 Atomkraftwerke in Betrieb sind (es sind real 443), kommen wir zu folgendem Schluss: Es ist durchschnittlich alle 30 Jahre ein schwerer Unfall in einem Kernkraftwerk zu erwarten, bei dem es viele 1000 Tote gibt.
Nun dann müssten unsere Großeltern immer noch 100 Jahre alt sein.
Rechnen wir jetzt also noch ein, dass es terroristische Anschläge geben kann, dass es durch die Liberalisierung der Strommärkte einen immer größer werdenden Preisdruck gibt und Atomanlagenbetreiber so Kosten und Mühen für Nachrüstung scheuen, und dass die Atomkraftwerke immer älter werden und sich dadurch Messwerte verstellen. Dann müssen wir noch die Anzahl der Kernkraftwerke einbeziehen, die in Betrieb sind (in Europa circa 150). Nach einer komplizierte Rechnung, kommen wir so zu dem Schluss, dass die Wahrscheinlichkeit dass wir in Europa binnen 40 Jahre einen Super-GAU erleben bei 16% liegt, (weltweit bei 40%), das entspricht einer Wahrscheinlichkeit von 1:6, also der Möglichkeit bei einem Würfelwurf auf Anhieb eine 6 zu erzielen. An diesen Zahlen -in die Terroranschläge, unerwartete Naturkatastrophen und menschliches Versagen immer noch nicht einbezogen sind- sehen wir, das wir Glück haben, dass bisher nicht mehr passiert ist und unsere Großeltern eigentlich viel jünger sein müssten als 70 oder 80.
Die Atomkraftlobby spielt nicht Lotto mit uns: Sie würfelt um unser Glück, dass nichts passiert!

Bleibt uns also noch weiterhin zu hoffen, dass die kleine rote Sonne der Antiatomkraftbewegung (s. Blog "kleine rote Sonne") bald gemeinsam mit den Atomkraftwerken ins Museum kann und tragen wir unseren Teil dazu bei, dass sie bis dahin die Atomlobby überstrahlt.
Denn eins ist sicher: Das Risiko ist nicht kalkulierbar!


Was sollen wir da machen?
Eine Möglichkeit die kleine rote Sonne strahlen zu lassen, ist an Protesten teilzunehmen.
Eine zweite Möglichkeit ist, unsere Eltern zu überreden den Stromanbieter zu wechseln und einen Anbieter zu wählen, der erneuerbare Energien fördert. (z.B. zu Anbietern wie: Lichtblick, Naturstrom AG, Greenpeace Energy, oder EWS Schoenau)
Eine dritte Möglichkeit ist, jetzt endlich den PC auszuschalten den Stecker zu ziehen (denn sonst verbraucht er trotzdem noch Energie), das Licht auszumachen und nach draußen zu gehen oder ein Buch zu lesen. Denn schließlich ist es auch wichtig Strom zu sparen und draußen ist es viel schöner!


*die nie stattfanden
** scheinbar aber nicht der Super-GAU in Tschernobyl
²Volker Pispers ist ein bekannter Kabarettist.
³ In der kerntechnischen Anlage in Majak explodierte am 29.9.1957 ein Tank mit hochradioaktivem Abfall, auf Grund einer maroden Leitung im Kühlsystem. Radioaktivität im Wert von Billiarden Becquerel wurde über einen Bereich von etwa 20.000 km² verteilt. Das ist weit mehr, als bei der Katastrophe von Tschernobyl. Am 25.10.2007 lief wieder kontaminiertes Wasser 1,5 km Straße entlang –auf Grund einer maroden Wasserleitung. Erneut wurde in Majak Radioaktivität freigesetzt. Weiterhin leben Menschen nahe Majak. Die meisten sterben früh an Krebserkrankungen. Sie sind arm und können sich weder Protest noch einen Umzug leisten. Atommüll aus der ganzen Welt lagert in Majak und strahlt freudig vor sich hin. Immer wieder wird versucht auch deutschen Müll dort hin auszulagern. Es wird nicht bedacht, dass Majak die am stärksten kontaminierte Gegend der Erde ist und radioaktive Stoffe ungehindert ins Grundwasser fließen und sich so immer weiter im Umland verteilen.

hier noch ein paar Quellen:
www.vorort.bund.net/atompolitik
www.ippnw.de
www.umweltlexikon-online.de (gibt s bestimmt auch offline ^^)
www.ausgestrahlt.de
taz (auch aud www.taz.de)
greenpeace-magazine, Kopf (zum Selbstdenken), wg Links von SOFA-Münster u. Störfallseiten, interessanter Film hierzu: "Restrisiko"...
Wer sich weitergehend informieren will, ist aufgerufen dieses Bedürfnis zu befriedigen.

  • 2 Kommentare
  • 10.04.2011 um 21:16 Uhr
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Kommentare
Ich versuche die ganze Zeit herauszufinden, warum Geld mehr zählt, als Leben, aber ich finde einfach keine Antwort...
21.04.2011 um 12:52 Uhr
was auch noch sehr interessant ist und mich auch nicht besser schlafen lässt, ist die tatsache, dass viele akw-betreiber (vor allem in frankreich) massiv leiharbeiter einsetzen, um in bestimmten zeiten, in denen viel arbeitskraft benötigt wird (wechseln der brennstäbe z.b.), den arbeitsbedarf zu decken. diese arbeiter werden bedeutend schlechter bezahlt, als das stammpersonal und werden nich regelmäßig eingesetzt, sprich ihnen fehlt die alltägliche routine im umgang mit der technik.
empörend ist dabei, dass diese leiharbeiter für die gefährlichsten arbeiten eingesetzt werden und solange einer massiven strahlendosis ausgesetzt werden, dass sie relativ schnell ihr "lebenslimit" an strahlung erreichen (es gibt einen bestimmten wert an strahlung, dem ein mensch in seinem leben ausgesetzt sein darf). wenn sie diese dosis erreicht haben, werden die arbeiter aussortiert und neue angeheuert.
auch in deutschen akws arbeiten solche leiharbeiter, vor allem von der französischen akw-betreiberfirma areva.
11.04.2011 um 11:56 Uhr
Scenario ist ein Angebot aus dem Medienhaus Bauer